Osnabruecker Heimatabend

Am 20. April nahm ich an einer denkwuerdigen Veranstaltung teil mit dem Titel "Osnabruecker Heimatabend", veranstaltet von Kalla Wefel, einem unserer Mitstreiter in der linken Schuelerbewegung Ende der 60er Jahre in Osnabrueck. Der Titel war "68 in Osnabrueck" oder so aehnlich - und das faszinierte mich natuerlich.

Leider konnte ich es mir nicht verkneifen, aufs Podium zu gehen und an der Discussion teilzunehmen. Ich fuerchte, ich habe mir dabei keine neuen Freunde erworben. Aber eine Atmosphaere mit zu wenig Autoironie und zuvielen nostalgischen Anklaengen stachelte mich an, zu provozieren.
Was mir wohl am meisten Uebel genommen worden ist, war die Aussage, dass es in den 70er Jahren keine Repression gegeben haette, sondern, dass dies ein Jahrzehnt gewesen sei, in dem Freiheit und Selbstbestimmungsmoeglichkeiten jedes einzelnen ungeheuer angewachsen seien. Well, ich habe mich dabei natuerlich auf die Bevoelkerung bezogen, auf die generellen Tendenzen.
Natuerlich hat es auch Repression gegeben. Repression ist eine der Hauptaufgaben des Staates; dafuer wird ihm in modernen demokratischen Gesellschaften das Gewaltmonopol uebereignet. Was sollte der Staat machen gegenueber einer kleinen radikalen Minderheit, die nichts repraesentierte ausser sich selbst, aber meinte, Kaufhaeuser anzuenden zu koennen, unbescholtene Buerger abzuschiessen, oder klammheimlich Freude ueber aehnliche Aktionen zu aeussern? Eine kleine radikale Minderheit, die tagtaeglich mitteilte, dass sie absolut nichts auf die Gesetze dieses Staates geben wuerde und nichts anderes im Sinn haette, als ihn mit Waffengewalt zu stuerzen, wenn es denn so weit waere. Gegenueber dieser kleinen Minderheit hatte der Staat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zu Repression. Dass es dabei auch die erwischte, die nicht von der proletarischen Revolution redeten, sondern nur dass Zuchthaus an der Ostgrenze der BRD als Paradies verkaufen wollten, ist nur zu verstaendlich, wenn man sich in die Haut eines besorgten Christ/ oder Sozialdemokraten aus den 70er Jahren setzt.
Dann - es ist eine voellig andere Discussion, ob Massnahmen wie die "Berufsverbote" eine kluge Reaktion waren, oder ob intelligentere Eingriffe moeglich gewesen waeren. Das Problem war, dass mein erster Satz in diesem Absatz eben nicht ganz richtig war. Es ist wahr, dass die radikale Linke der 70er Jahre nichts repraesentierte ausser sich selber, aber sie war zumindestens bis 1975 in der Lage einen erheblichen Einfluss auf die intellektuelle Minderheit der Jugend auszuueben - und vor allem die Sozialdemokraten hatten kein gutes Rezept wie dem entgegenzutreten sei. Und es machte die Situation auch nicht einfacher, dass die "gemaessigte" Linke von den Gefaengniswaerterassistenten der DKP representiert wurde.
Zur Repression: In den 70er Jahren habe ich ca. 23 Strafverfahren an den Hals gekriegt,und viele von denen waren wirklich absurd, wenn man auf die Inhalte schaut. Die Tatsache, dass ich aus den meisten unbeschadet hervorgegangen bin, liegt aber nur daran, dass unsere Rechtsanwaelte einfach smarter ware als die Staatsanwaelte der Gegenseite.
Den Rechtsbruch haben wir oeffentlich propagiert. Und wer den Rechtsbruch propagiert, soll sich nicht ueber Repression beklagen. Ich meine, dass im grossen ganzen die Regierungender 70er Jahre die "Verhaeltnismaessigkeit der Mittel" durchaus gewahrt haben.

Kalla is ein toller Musiker und ein begnadeter Kabarettist. Wenn er auch noch ein bischen Selbstironie haette, wuerde man sich wirklich schlapp lachen. Wegen dieses Fehlens von Selbstironie bleibt ein schaler Geschmack. Dem armen Kerl ist an zwei Osnabruecker Gymnasien das Abitur versaut worden, weil das reaktionaere Faschistenpack der Lehrer am Rats - und Graf Stauffenberg Gymnasium, dem Rebellen einfach eins mitteilen musstel. Mamma mia! Der arme Kalla.
Ich danke an dieser Stelle ausdruecklich meinen Lehrern, die mich von 1969 bis 1973 ertragen mussten. Die mit Hammer und Sichel verzierten Schulbaenke waren sicher noch das geringste Uebel, aber wie ich es geschafft habe, mein Abitur in English zu bekommen, mit einem Abituraufsatz, der endete mit den Spruch: "Long live the struggle of the Irish people against the British Imperialism" und in dem wohl auch sonst viele Dummheiten gestanden haben, ist mir heute noch schleierhaft. Aber ich erinnere mich vage, dass der Aufsatz auch mit 4- bewertet wurde und ich nur wegen der Vorzensuren...... Wenn ich nicht meinen langjaehrigen Deutschlehrer (er hiess glaube ich Hasenkamp) als Schutzengel gehabt haette, waere ich mit Sicherheit von der Schule geflogen, und zwar nicht aus Repression gegen meine politischen Ansichten, sonder wegen zu vieler geschwaenzter Schultage. Er glaubte einfach an mich, intellektuell und menschlich. Z ugegebenermassen haben mich diese ehrlichen, aufrichtigen, konservativen, strebsamen Katholiken gepraegt, und ich bin ihnen dankbar dafuer - trotzdem bin ich Atheist und Radikalliberaler - oder besser Scheissliberaler.

Wenn wir auf die 70er Jahre und unsere Rolle zurueckblicken, braucht es Humor und Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass diese Linke gottseidank, nie Macht ausgeuebt hat, das waere genauso daneben gegangen wie in Kuba, der Chinesischen Kulturrevolution, Zimbabwe (wir haben Mugabe finanziert! ... den damals allerdings auch der Economist unterstuetzte) - und auch Kampuchea ist etwas, was die Linke des 20. Jahrhunderts fuer immer in ihren Buechern haben wird wie die Stalin-schen Gulags.
Humor, um zu akzeptieren, dass wir, die wir zumindest nicht zu den Duemmsten unserer Generation zaehlten, einen geistigen Duenschiss verbreitet haben, der wirklich seinesgleichen suchen muss. Mein Freund Gerd Held und ich wuerden sicher einer Buecherverbrennung zustimmen, wenn es sich darum handeln sollte eine Broschuere "uber die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" aus dem Verkehr zu ziehen, die wir anfang der 70er Jahre geschrieben haben.

Noch ein bischen mehr zum Humor: Aus professionellen Gruenden habe ich vor einigen Wochen eine Speditionsfirma gesucht. Dabei bin ich in meiner Internet Recherche auf Schenker gestossen, die Logistik Firma der Deutschen Bundesbahn. Als ich herausfand, wer der CEO von Schenker war, habe ich einen Lachanfall bekommen: Hans Joerg Hager. Diesen Lachanfall verstehen nur Leute, die ebenfalls in den 70er Jahren beim KBW Maschinensatz, Compugraphik und ausgekluegelte Auslieferungsmethoden gelernt haben. (Hans Joerg Hager war Logistic Chef beim KBW). Was mich dann aber noch mehr in einen LachWein Krampf trieb, ware die Hasstiraden, die ich im Internet gegen HJH gefunden habe von heutigen linken Gruppen oder irgendwelchen Rueckbleibseln. Der Tenor dieser Kritiken, die man auch gegen Joschka Fischer kennt, ist dass das Engagement dieser Menschen in "der buergerlichen Gesellschaft zeigt", dass sie schon immer....
Da bleibt einem doch nur die Genugtuung, dass Wolfgang Albers und Martin Fochler heute derselben Partei angehoeren, die Einheitsfront endlich hergestellt :-))))))).

Nach so viel Weitschweife bleibt denn die Frage, was Menschen, die bei einem IQ Test nicht gerade unter dem Durchschnitt abgeschnitten haetten, und von denen viele spaeter in den 80er, 90er Jahren und spaeter auch wichtige Beitraege zu unserer Gesellschaft geleistet haben (Barroso, der President der EC Commision war bei den portugiesischen Maoisten aktiv :-)))), nur als Beispiel, auf den ML Trip gegangen sind: es gibt sicher vielschichtige Antworten dazu; eine ist aber meiner Auffassung nach: Groessenwahn. Der Drang, etwas ganz wichtiges tun zu muessen; die reformistische Linke hatte da leider zu wenig anzubieten. Die einzige Alternative zur RAF war dann irgendwie das Kommunistische Manifest von Marx und Engels, und das ist schon grossartig - so grossartig, dass es heute Autoren auffaellt wie dem Autor von "The world is flat" - dem Kultbuch der Globalisierung. Das hier ist natuerlich kein Erklaerungsversuch, sondern nur ein Ideensplitter.

Also, ich hab mich schon ziemlich fremd gefuehlt auf diesem Osnabruecker Heimatabend, aber ich finde Discussionen ueber die politische Bewegungen in den 60er und 70er jahre interessant und notwendig, weil ich erklaeren will, zumindest fuer mich, wie die "Linke" in den 80er Jahren fast vollstaendig konservativ und teilweise sogar reaktionaer geworden ist bis zu einem Punkt, wo in der Discussion im Bundestag ueber den Import von Stammzellinien nur die FDP fuer den wissenschaftlichen Fortschritt und die Liberalisierung der Forschung eingetreten ist (und Gregor Gysi, das sei ehrenhalber gesagt), waehrend die gesamte mainstream linke (v.a. die Gruenen) an ihrer zivilisationskritischen Haltung festhaelt und in der Entwicklung der Wissenschaft eher eine Bedrohung sieht.
Genuegend Breitseiten abgeschossen fuer heute...... :-)

Geschrieben im Hotel in Berlin, einer Stadt, die ich immer mehr mag.

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